Was machen Blogger bei der Cebit? War das nicht diese IT-Konferenz, an die das Interesse seit 200x stark nachgelassen hat? Und wo man im Jahr 2015 zusätzliche WLAN-Stunden teuer bezahlen muss?

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Ja, die Aussteller- und Besucherzahlen sind einige Jahr lang gefallen, aber darum wurde neuen Konzepten Raum gegeben und so fand am letzten Tag der Cebit (Freitag, 20.03.2015) die Sub-Konferenz “Rock the Blogs” zum ersten Mal statt, um Business und Blogs zu vernetzen.

Warming Up beim Webmontag

Dank der Empfehlung und Beteiligung der Bonner Blogger Joas Kotzsch und Gunnar Sohn wurde ich als Speaker eingeladen, um auf dem “Expert Stage” den lokalen Blogaggregator BonnerBlogs.de vorzustellen. Dieser Aggregator besteht jetzt etwas mehr als ein Jahr. Zum ersten Mal öffentlich vorgestellt habe ich ihn beim Webmontag in Bonn am 17.03.2014 und ziemlich genau ein Jahr später am 16.03.2015 bin ich recht spontan noch mal zum Webmontag gekommen, um dort Bilanz zu ziehen und Ideen zur Weiterentwicklung zu diskutieren. Seit dem letzten Jahr (aus dem auch das Video stammt), ist einiges passiert.

Rückblick auf ein Jahr BonnerBlogs.de

Mittlerweile werden im Blogaggregator 500 Blogs aus Bonn gesammelt. Diese 500 Blogs haben im letzten Jahr über 18000 Artikel publiziert, das sind etwa 50 Artikel pro Tag. Ich finde diese Zahlen sehr beeindruckend und schon lange schaffe ich es nicht mehr alle Artikel aus Bonner Blogs in meinem Feedreader zu lesen. Angefangen hat die Sammelei übrigens mit diesem Blogpost von Karin Krubeck und in meinem Feedreader.

Schon etwas länger als Bonner Blogs besteht das regionale Blogportal Bundesstadt.com von Johannes Mirus und einem Redaktionsteam, in dem ich Mitglied bin. Zusammen mit den anderen Redakteuren werden jeden Tag aus dieser Artikelvielfalt ca. 3 bis 5 Artikel für die Bonner Linktipps ausgewählt und besprochen.

So werden die Bonner Blogs erst aggregiert und danach kuratiert, also gesammelt und gewählt. Dieser Workflow hat sich bewährt und bietet den maximalen Service. Jeder kann alle Bonner Blogs via RSS-Feed, Twitter, Email-Newsletter, Facebook, Google+, App oder sogar bei Reddit abonnieren, wenn er mag oder die tägliche redaktionelle Zusammenfassung von Bundesstadt.com lesen, wenn das alles zuviel ist.

Ziel war es damals, dass die Bonner Blogger sich gegenseitig besser lokal wahrnehmen, denn Blogger haben trotz aller Virtualität einen Wohnort an dem sie leben und arbeiten. Und abundzu treffen sie sich gerne bei einem Bier oder einer Limonade, wie beispielsweise die IronBlogger Bonn. Sie diskutieren aber auch über lokale Entwicklungen, gehen in ganz echte lokale Geschäfte einkaufen, essen und trinken in Bonner Kneipen, fotografieren sich für den Fashionblog, forschen oder denken über die Stadtentwicklung nach und haben Projekte, die dazu beitragen, dass Kinder in Workshops mehr lernen, als Angst vor dem Internet zu haben. Wie soll man 500 Blogs in einem Absatz vorstellen?

Auf zur “Rock the Blogs”

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Die Bedeutung des Lokalen beim Bloggen scheint mir unterschätzt zu sein, darum habe ich mich sehr gefreut, bei Rock the Blogs den Aggregator vorzustellen und das Thema mit den Zuschauern zu diskutieren. Vor dem Vortrag haben wir die Zeit genutzt uns selbst die Cebit noch kurz anzuschauen. Es war schon irgendwie beeindruckend manche große Stände zu sehen. Ich fand es besonders spannend mit Startups über ihre Tools zu sprechen oder bei Firmen direktes Feedback geben zu können. Leider war die Zeit knapp und wir wollten ja noch einen Boxenstopp bei der Cyber-Polizei einlegen. 😉

Bonner Blogs bei Rock the Blogs

Es blieb nur kurz noch Zeit eine Kleinigkeit zu essen und zu trinken und dann rief mich Gunnar Sohn auch schon auf die Bühne.

Ich hatte leider die letzte Session auf dem Expert Stage bekommen, der Zeitplan war etwas durcheinander gerutscht, parallel zu meiner Session gab es wohl Freibier, habe ich mir sagen lassen, nachdem ich etwas überrascht war, dass nicht viele Zuschauer nach der vorherigen Session auf den Stühlen sitzen geblieben sind. (Ich hätte es persönlich genommen, wenn sie während des Vortrags gegangen wären, vielleicht ist das Thema Bonn auch nicht so das Zugpferd. Was denkt ihr?) Um so mehr Mühe gab ich mir, die wesentlichen Punkte für die verbliebenden aktiven Zuhörer interessant und knapp zusammenzufassen und bald mit Ihnen in Dialog zu treten.

Es gab nach dem Vortragsteil vor allem Fragen zum Verhältnis von Journalismus und Bloggen. Gerne hätte ich pointiert geantwortet, dass es bald keine Regionalzeitungen mehr gibt, wenn die Entwicklungen so weiter gehen. Glücklicherweise war ich nicht so scharfzüngig, denn im Publikum saßen zwei bloggende Journalisten (oder journalistisch tätige Blogger?) – da hätte ich keinen Erfolg mit extremen Thesen gehabt. Im Grunde denke ich auch, dass beide Welten sich prima ergänzen können, wenn sie sich denn mal auf Augenhöhe begegnen und jeder von der anderen Seite zu lernen bereit ist, so scheint es mir. Blogs werden nicht mehr weg gehen und ich hoffe auch, dass in Zeiten der Medienvielfalt für guten Journalismus genug Platz und vor allem Geld da sein wird. Journalismus ist eine Frage der Methode, nicht des Publikationsorts, ähnlich wie ich das für die Wissenschaft denke. Aber auch das Medium ist irgendwo die Massage. Ich drifte ab.

Warum ein lokaler Blogaggregator?

Der Blogaggregator Bonner Blogs legt für mich eine virtuelle Ebene über die Stadt, durch die ich in die Köpfe der dort (bloggenden) Bewohner schauen kann. Manche sind Eltern und bauen um, andere sind aufs Land gezogen, die Fashionblogger laufen mit der Spiegelreflex durch die Altstadt und Poppelsdorf während andere den Mond über Bonn oder die Baskets fotografieren… so könnte ich tagelang weiter machen und ich würde der Vielfalt, die aus Bonner Blogs kommt, niemals gerecht werden. Und jeden Tag kommen neue Blogs dazu, denn seinen eigenen Blog einzurichten dauert nur 5 Minuten.

Bei der Cebit ging es aber auch um Business und diesen Bereich will ich bei aller Blog-Romantik nicht ausblenden. Ich habe mir etwas Zeit genommen um mir einige Startups anzuschauen, die beispielsweise wie Ubermetrics Daten aus sozialen Medien, Blogs und Zeitungen aggregieren und ganz tolle Visualisierung damit zaubern. Was diese (noch) nicht können, ist wirklich regional zu filtern und nur dort zu suchen, denn was ein Bonner Blog ist, das steht nicht immer maschinenlesbar daneben. Auch wie der Blogger tickt, zum Beispiel in Sachen Blogger Relations, kann man erst dann wirklich beurteilen, wenn man sich gut kennt. Die Bonner Blogs sind handverlesen und da jeder Blog mir quasi einmal durch Kopf, Hand und Tastatur geht, kenne ich die Blogosphäre und ihre Eigenheiten im lokalen Massstab viel besser, als es jede automatisierte Auswertung abbilden kann. Vorher liefen die Feeds nur durch meinen eigenen Feedreader, aber mit BonnerBlogs kann jeder, der mag, diese Vielfalt sehen, kennen lernen und ja, auch geschäftlich nutzen.

18.000 Blogartikel aus Bonn pro Jahr könnte man auswerten, monitoren und auf Stichworte durchsuchen, diese Möglichkeiten sind noch nicht mal ansatzweise genutzt. Leider fehlt mir die Zeit, das Wissen und auch das nötige Kleingeld dafür, dass für BonnerBlogs.de umzusetzen. Ein nachhaltiges Geschäftsmodell für die Bonner Blogs gibt es noch nicht. Werbung neben den Blogartikeln anderer Blogger nach dem Vorbild der Lokalzeitungen, bei denen man den Content mit der Lupe suchen muss? Das kann nicht das Ziel sein und würde auch von der Community nicht gewollt werden. Ziel soll es weiter bleiben, der Bonner Blogcommunity zu dienen und gemeinsam mehr Sichtbarkeit zu bekommen. Trotzdem: Wie kann ein Geschäftsmodell in diesem Sinne gestaltet, nachhaltig und in der Community akzeptiert sein, so dass der Aggregator nicht offline geht, wenn ich nicht mehr einige Stunden pro Wochen meiner freien Zeit reinstecken kann?

Feedback & Weiterentwicklung

Beim Webmontag gab es auch Feedback zum Design und viele nette Unterstützungsangebote, über die ich mich gefreut habe. Momentan ist es ein Hobby-Projekt, darum bin ich über jede Unterstützung froh, die das ganze auf stabile Beine bringt. Der nächste Schritt wird aber ein Redesign sein, damit die Startseite selbst übersichtlicher wird, das scheint momentan der größte Schwachpunkt neben der Serverkapazität zu sein, die bei meinem Shared-Hosting so langsam an seine Grenzen geraten.

Wie wird die Zukunft der Bonner Blogosphäre? Zuerst einmal würde ich mir wünschen, dass weitere lokale Blogaggregatoren und Regionalblogs entstehen, die sich miteinander vernetzen sollten. Dann wünsche ich mir, dass die hyperlokalen Communities, seien es die Fashionblogger, die Webmontagler und die ganze Vielzahl von Sub-Communities in Bonn sich stärker vernetzen, sowohl digital, als auch ganz persönlich, wie das beim BarCamp Bonn oder bei Rock the Blogs geschehen ist. Jeder kann in seiner Lieblingscommunity bleiben, aber ich empfehle den Blick und die Vernetzung über den Tellerrand, virtuell und lokal.

Potentiale der lokalen Blog-Vernetzung

Meine Lieblingsgeschichte, die das Potential der lokalen Vernetzung zeigt und die ich in den letzten Wochen oft erzählt habe, ist die folgende: Vor wenigen Wochen hat Jens Arps beim Webmontag die Software um die Oculus Rift, eine VirtualReality-Brille erklärt. Einige Tage später sah ich beim Dorkbot Bonn, dass dort eine VR-Brille für wenig Geld selbst gedruckt wurde, man brauchte nur Linsen eines anderen Bonner Informatikers dazu kaufen und konnte dann sein Smartphone in die Halterung schieben. Schon war die VR-Brille fertig, doch leider lief die Software nicht richtig. Zuletzt sprach ich am Rande einer Konferenz mit Bettina von BonnRegion über die Möglichkeit, VR-Touren durch Bonn zu machen. Und da könnten auch Wissenschaftler ins Spiel kommen, die beispielsweise Archivfotos aus Bonn in die 3D-Umgebung der Stadt einbetten helfen, so dass man durch die VR-Brille, sich die Stadt im Jahr 1950 oder in der Römerzeit durch die Brille anschauen kann. Eine Rolle könnten auch offene Daten spielen, die von OpenStreetMap oder der Stadt Bonn aus dem OpenDataPortal stammen. Kinder könnten lernen, wie man aus Pizzakartons und Smartphones VR_Brillen bastelt,… Die Ideen sind quasi unbegrenzt und das Potential für so viele Bereiche ist fast grenzenlos.

Grenzen eines Blog-Aggregators

Wenn man über Potentiale spricht, dann muss man auch die Grenzen eines Blog-Aggregators besprechen. Das geht ganz gut am Beispiel dieses Tweets.

Beim Aggregieren werden auch immer Kopien der ursprünglichen Blogartikel in einer Datenbank angelegt. Im besten Falle werden diese Kopien niemals ganz sichtbar, aber es kann beispielsweise durch einen Programmierfehler passieren. Momentan werden nur kurze Teaser angezeigt, aber die Gesetzgebung dazu ist nicht ganz einfach zu verstehen. Wie lange darf ein Teaser sein, bevor ich abgemahnt werden kann? Haben vielleicht sogar Überschriften einen eigenen Scöpfungswert, so dass ich diese nicht kopieren darf? Wenn letzteres gelten würde, könnte ich den Aggregator sofort dicht machen, spätestens wenn mich wirklich einer der Blogger oder jemand anders mich abmahnen möchte.

Besonders offensichtlich wird die Problematik bei Bildern. Jeder, der mal einen Link bei Facebook oder anderen sozialen Netzen teilt, ist es gewohnt ein Vorschaubild zu sehen, das automatisch aus dem Artikel gezogen wird. Aber weder Facebook noch der User, der den Link teilte, fragen danach, ob sie das dürfen. Weder bei dem Blogautoren noch bei dem Urheber des Bildes wurde eine Zustimmung dazu eingeholt, es werden auch keine besonderen Lizenzen angezeigt bzw. erwähnt.

Ich würde bei BonnerBlogs.de auch gerne Vorschaubilder anzeigen, aber wenn ich das automatisiert mache, kann ich die wenigen Tage bis zur Abmahnung zählen. Schließlich mache ich ja eine Kopie ohne Nachzufragen und das ist vom geltenden Urheberrecht nicht erlaubt. Den Bloggern selbst wäre es sogar ganz recht, wenn ich Ihnen so mehr Traffic zuliefern kann und ihre Seiten besonders schön dargestellt werden. Facebook darf es, weil sie die Schuld auf die User abwälzen können, ich darf es bei Bonner Blogs nicht.

Und selbst wenn alle Bonner Blogger damit explizit einverstanden wären: bei CC-lizenzierten Bildern müsste die Lizenz angezeigt werden, manchmal untersagt diese die Bearbeitung eines Bilds, etc. Es wäre also quasi unmöglich das zu automatisieren, womit es de facto unmöglich gemacht wird. Schade eigentlich.

I <3 Bonn

Trotzdem überwiegt das Positive: Dank der vielen Bonner Blogs ist mir klar geworden, wie dynamisch die kleine Stadt am Rhein ist. Bonn ist für mich eine lebenswerte internationale Wissenschaftsstadt mit Zukunft. Ein Teil dieser Zukunft ist digital und das wird für mich in Bonner Blogs am deutlichsten sichtbar.

Übrigens: Der nächste Termin für “Rock the Blogs” steht schon fest: 18.03.2016. Danke nochmals für die Einladung, für die Organisation (vor allem an das Blappsta-Team) und ich würde mich freuen beim nächsten Mal wieder dabei zu sein!

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