Lebensqualität und Digitalisierung: Digital ist besser? #gutleben

Gestern Abend durfte ich mit Charlotte Jahnz, Johannes Mirus und einigen anderen Bonnern beim Bürgerdialog der Bundesregierung mit Dr. Thomas de Maizière, Bundesminister des Innern, dabei sein. Das Thema passte uns ganz gut: Digital leben = gut leben? Wie die Digitalisierung unser Leben verändert. Momentan scheint „digital“ ja ein sehr beliebtes Thema für Podiumsdiskussionen zu sein, denen ich mal mit mehr oder weniger Bauchweh zuhöre und dann „digital“ via Tweets dokumentiere und kommentiere. Aber auch das Thema Lebensqualität finde ich gerade unter diesem Aspekt sehr spannend.

Gut Leben in Deutschland - Bonn Thomas de Maizière - DigitalisierungZusammen mit Johannes Mirus habe ich mich jetzt mangels Perspektiven in der Wissenschaft (nach mehr als 20 befristeten Verträgen in 8 Jahren und keinerlei Aussicht auf Anschlussfinanzierung ab Dezember) entschieden beruflich einen anderen Weg einzuschlagen. Wir haben gemeinsam Bonn.digital gegründet und möchten durch Social-Media-Beratung, Community Management und Digital-Veranstaltungen die Bundesstadt Bonn und Umgebung ein bisschen “digitaler“ machen (und unsere Lebensqualität damit verbessern). Aber etwas digitaler zu machen ist kein Wert an sich. Ich finde wichtig, dass digitale Technologien unsere Lebensqualität verbessern. Dass sie das können, erlebe ich persönlich jeden Tag. Mit Nachteilen lerne ich durch Übung und Achtsamkeit umzugehen und nur dann macht es für mich auch Sinn digitale Tools zu nutzen. Wenn digital nicht besser ist, ja, dann bleiben wir doch gerne bei analog und denken ganzheitlich im Sinne von „früher war auch nicht alles schlechter.“ (Den folgenden Text können Sie hier nicht ausdrucken. Haben Sie schon mal die Tastenkombination Strg-P ausprobiert. Unten links die große Taste mit Strg für Steuerung und P wie Print also Drucken auf Englisch. Gerne geschehen.) Sie sehen: Neues zu lernen kostet manchmal Zeit und Geld. Darum wollen wir unser Wissen weitergeben. Und natürlich weil es Spaß macht.

Bürgerdialog 2.0

Zurück zum Bürgerdialog: Morgens habe ich via Twitter gefragt, was für die Menschen dort Lebensqualität im Digitalen ausmacht. Es gab überraschend viele Antworten auf meine drei Fragen (jeder der drei vorherigen Links enthält viele Antworten):

Ich greife mal einige Antworten heraus:

Aus meinem kleinen Twitter-Bürger-Dialog entnahm ich folgende Kernthemen:

  • Zugang: zum Internet an sich, besonders mehr mobiles Volumen, höhere Geschwindigkeit und bessere Transparenz bei den Tarifen
  • Mobilität: insbesondere Echtzeitdaten aus dem ÖPNV, einfaches Bezahlen der Tickets
  • Soziale Fragen: Möglichkeit Menschen kennen zu lernen, die eigene/seltene Interessen teilen; aber auch: sozialer Druck zur ständigen Verfügbarkeit, vor allem im Arbeitskontext

Bürgerdialog 1.0

Abends habe ich dann versucht diese Themen auch beim klassischen Bürgerdialog anzusprechen. Der Ablauf war den meisten vorher nicht ganz klar. Die etwa 50-60 „Bürgerinnen und Bürger” wurden in zwei Gruppen eingeteilt, die nacheinander einmal mit dem Innenminister de Maizière sprechen durften und einmal mit Andreas Könen, Vizepräsident des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Umzingelt wurden wir von Kamerateams und Fotografen, wir hatten ja an der Tür unterzeichnet, dass wir alle Bildrechte abgeben. Immerhin durfte ich selbst auch fotografieren und twittern. Ausgesucht wurden wir über Empfehlungen Dritter, quasi ein sozialer Netzwerk 1.0.

Doch bevor es in die Diskussion ging, fand eine Art „Warm Up“ in Form eines Vortrags statt. Ich wusste nach dem Vortrag nicht, ob ich wegen der vielen Kameras oder wegen des Vortragsinhalts aufgeregt war. Dass man aber ernsthaft einem Publikum erklärt, was mobiles Internet ist, während etwa 90% im Raum bereits „mobiles Internet“ nutzen,… vergessen wir es einfach. Ich habe es unter Zurück in die Zukunft verbucht. Interessanter waren jedenfalls die Diskussionsrunden.

30 Leute, alle soweit gebildet und gut angezogen, natürlich „repräsentativ“ ausgewählt, was auch immer das heißt, waren erst mal sehr zurückhaltend. Nach zwei bis drei Fragen und Antworten merkten die Teilnehmer, dass gar nicht jeder zu Wort kommen kann und dann gingen die Hände der einen Hälfte nur so hoch, damit sie zu Wort kommt, während die andere Hälfte sich zurücklehnte und passiv blieb. Ich glaube acht Leute kamen zu Wort, dann war die Runde auch schon vorbei.

Ich erzählte mal wieder die Geschichte von der Bahnfahrt, wo ich Zugang zum Internet brauchte, um die Bonner Ratssitzung per Livestream in der Bahn anzuschauen (wahrscheinlich war ich der eine Zuschauer). De Mazière meinte: für mehr Internet muss man mehr bezahlen. Argumentativ war ich da erst mal platt, ich meinte ja gar nicht unbegrenzten Zugang, kostenlos für alle. Nur einfach mal ein Grundrecht: bei den Freifunkern tauchen immer wieder Menschen auf, die auf Land 0 Internet haben. NADA, 10 km von Bonn entfernt. Als Johannes einen Vergleich zur Autobahn für wenige Fahrer zog, für die auch alle bezahlen, waren unsere Netzmetaphoren am Ende. Zumindest die Häppchen und die Getränke waren für uns am Abend noch umsonst. WLAN gab es keins. Gut, dass ich 100€ für 10GB im Monat bezahle, sonst konnte ich Fotos twittern bzw. Video streamen völlig vergessen. Mehr kostet halt mehr, nur im Ausland kostet es nicht mal ein Bruchteil davon.

Nach einem weiteren Zwischenvortrag bei dem ich mich vor lauter Cyberbullying nur so um meine Smartphone klammerte und innerhalb von 15 Min Online-Zeit etwa 80 Mal drauf guckte, ob Siri mich nicht doch wegbeamen könne, ging es in die zweite Runde. Kurzum: Ich bin jeden Tag 24 Stunden online, mobil und stationär, insofern finde ich jede Umfrage mit „Wie lange sind Sie online?“ völlig unseriös. Solche Fragen stammen aus Zeiten des Internets per Modems und der Minutentarife, da können sie auch eigentlich bleiben. Alternativ könnte man doch fragen: Wie viele Megabyte an Datenvolumen verbrauchen Sie? Und für welche Dienste? Darüber gibt jedes Smartphone Auskunft. Wie gesagt, ich versuchte die Kurzvorträge zu vergessen.

Die Diskussion der zweiten Runde ging in die Richtung “Böse private Firmen horten unsere Daten und verkaufen sie und wir sind schutzlos”. Ich fand, die Argumente gut und diskussionswürdig, aber das Thema Überwachung aus staatlicher Sicht sollte dann nicht verschwiegen werden. Ich berichtete meinen Eindruck eines Vertrauensverlusts der Bürger in ihren Staat (auch in die klassischen Medien), insbesondere durch die Ausspähskandale um NSA, BND, Verfassungsschutz und Co. (Hallo liebe Bundes-Textanalyse-Bots! Ja, ich habe Sie erwähnt!) Aus dem Bauch schlug ich vor, dass man doch mal über Transparenzdienste nachdenken könne, statt die Geheimdienste nach diesen Skandalen weiter zu stärken. In der Computerwelt würde ich aus Sicherheitsgründen eher ein transparentes Betriebssystem nutzen, (Staat) um die persönlichen Daten (Bürger) besser zu schützen.

Der Vergleich ist vielleicht nicht 100% durchdacht, aber mir scheint es doch einen Paradigmenwechsel zu geben: ein offener Staat hat weniger Sicherheitslücken, als ein System, dass Sicherheit nur durch Geheimhaltung der Prozesse erhält. Das Verschlüsselungsverfahren muss transparent sein, um sicher zu sein, dass die verschlüsselten Daten wirklich sicher sind. Oder kurz: Sicherheit durch Transparenz. Vielleicht könnt ihr mir ja zeigen, wo der Vergleich dann Bugs bekommt. Der Kernpunkt ist: Vertrauen ist der Schlüssel. Und Vertrauen gewinnt man nicht durch noch mehr Geheimnisse. Ist doch ganz einfach, oder? Wahrscheinlich nicht.

In der Abschlussrunde durfte dann jeder noch mal seinen Senf abgeben seine Wünsche äußern. Auch hier war Überwachung durch den Staat noch mal ein Thema, aber auch OpenData, was de Mazière weiter vorantreiben wolle, immerhin dort werden sich also Staat, Länder, Städte und Kommunen weiter öffnen.

Um Punkt 20:39 Uhr war die Diskussion zu Ende, der Innenminister musste zu seinem Flieger nach Berlin eilen und die Bürger genossen Häppchen während noch ein paar Interviews gedreht wurden.

Wer die anderen Argumente und Eindrücke in Form von Tweets aus den Diskussionsrunden von heute noch mal nachlesen möchte, hat unter dem Hashtag #gutleben bei Twitter dazu Gelegenheit. Unterm Strich fand ich den Abend interessant, anregend und sinnvoll. Vielleicht nimmt der Innenminister und sein Stab ein oder zwei Ideen nach Berlin mit, vielleicht vernetzen sich auch in Bonn noch ein paar Bürger um Bonn etwas digitaler und vor allem etwas lebenswerter zu machen.

Sascha Foerster

#Bonn #Blogs #Wissenschaft

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2 Antworten

  1. 6. Oktober 2015

    […] Mir ging es eigent­lich um noch mehr, näm­lich das Grund­recht auf Inter­net. Ich brachte den Auto­bahn­ver­gleich. De Mai­zère meint eher: „Wer mehr ver­braucht, muss auch mehr bezah­len.“ Ansons­ten hat Sascha schon alles aus­führ­lich auf­ge­schrie­ben. […]

  2. 10. Januar 2016

    […] Ein verspäteter Beitrag zu Lebensqualität und Digtalisierung […]

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